Tiefe Venenthrombose

Klinische und labordiagnostische Aspekte in der täglichen Praxis

Die Inzidenz der tiefen Venenthrombose (TVT) in der Allgemeinbevölkerung wird mit ein bis zwei Fällen pro 1.000 Personen pro Jahr angegeben und zählt damit zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland. Dabei zeigt sich eine starke Altersabhängigkeit: Bei Kindern unter 10 Jahren beträgt das Thromboserisiko noch 1 : 100.000, im Alter zwischen 20 und 35 Jahren bereits 1 : 10.000, bei ca. 60-Jährigen liegt die Inzidenz bei 1 : 1.000, während bei älteren Patienten das Risiko fast 1 : 100 erreichen kann. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Angiologie und Gefäßmedizin sterben in Deutschland jährlich 40.000 Menschen infolge einer Lungenembolie. Damit ist die Lungenembolie – nach Herzinfarkt und Schlaganfall – die dritthäufigste zum Tode führende Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Diagnostik

Am Beginn der Diagnostik einer tiefen Venenthrombose sollte eine Einschätzung der klinischen Wahrscheinlichkeit stehen, wobei sich dafür validierte Scores, wie z. B. der Wells-Score gut eignen. Darüber hinaus wird der Kompressionsultraschall und ggf. die Bestimmung der D-Dimere angewandt, die zu einem Algorithmus verbunden werden. Wenn eine eventuell notwendige bildgebende Diagnostik nicht zeitnah zur Verfügung steht, sollte bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit mit einer Antikoagulation begonnen werden. Die Folgediagnostik besteht bei betroffenen Patienten (bei Erstereignis einer TVT oder positiver Familienanamnese) in der Regel aus: APC-Resistenz/Faktor-VLeiden-Mutation, Faktor-II-Mutation (G20210A), Antithrombin-Aktivität, Protein-C-Aktivität, Protein-S-Aktivität, Lupus-Antikoagulans, Beta-2-Glykoprotein-I-Ak (IgG), Beta-2-Glykoprotein-I-Ak (IgM), Cardiolipin-Ak (IgG), Cardiolipin-Ak (IgM), ggf. Faktor-VIII-Aktivität, ggf. Homocystein und ggf. D-Dimere (diese frühestens 4 Wochen nach Absetzen der Antikoagulation). Die Relevanz weiterer Marker (z. B. Mutationen des MTHFRGens oder des PAI-1- und PAI-2-Gens) sind aktuell nicht belegt.

Empfehlung der S2-Leitlinie

Jeder klinische Verdacht auf eine tiefe Venenthrombose soll umgehend so weit abgeklärt werden, dass eine therapeutische Entscheidung erfolgen kann.
Anamnese und körperliche Untersuchung allein sind hierzu nicht ausreichend. Durch die Laborwerte und die Klinik lassen sich individualisierte Therapien, eine Risikostratifizierung und die Entscheidung über eine vom Standard abweichende Dauer der Antikoagulation für den Patienten ableiten.

Validierter klinischer Score zur Ermittlung der klinischen Wahrscheinlichkeit einer tiefen Venenthrombose (Wells-Score)
Klinische Charakteristik  Score
Aktive Tumorerkrankung 1
Lähmung oder kürzliche Immobilisation der Beine1
Bettruhe (3 Tage); große Chirurgie (12 Wochen) 1
Schmerz, Verhärtung entlang der tiefen Venen1
Schwellung ganzes Bein1
Unterschenkelschwellung 3 cm gegenüber Gegenseite1
Eindrückbares Ödem am symptomatischen Bein1
Kollateralvenen1
Frühere, dokumentierte TVT1
Alternative Diagnose mindestens ebenso wahrscheinlich wie Venenthrombose-2

Score > 2: Wahrscheinlichkeit für TVT hoch; Score < 2: Wahrscheinlichkeit für TVT niedrig

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